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Es werden Posts vom Februar, 2026 angezeigt.

Oma hat den Faden verloren / Demenz

  "Oma hat den Faden verloren" / "Demenz" Von Alexandra Kanobel 2025 Ich habe den Faden verloren, der durch die Welt führt! Nun wandle ich hin und her. Immer wieder suche ich ihn finde aber nur Steine! Den roten Faden finde ich nicht! Mir wurde ein Sessel angeboten, um darauf in Ruhe zu denken, aber ich setzte mich darunter! Mit einem Seil hing ich unter dem Balkon, kroch in den Ofen, gab das Eis der Katze, und sandte den Brief an den Südpol! Die Welt ist anders, nicht oben ist oben und unten nicht unten, alles ist schwer, mühsam

Rosenschnitt

  „Rosenschnitt“ Von Alexandra Kanobel 2026   Du bist der leise Sturm mit seinen gewaltigen Lauten Während Katzen über knarrende Böden schleichen. Ich? Ich stehe träumend beim Fenster In dieser sternesfernen Nacht. Du? Du rüttelst an den vielen Ästen der Bäume   - An den groben, wie an den feinen – Ihr Scheiben-Gekratze kriecht in meine Träume Durchdringt die allesbelebende Wärme in mir Lässt mein Blut zu Eis gefrieren Bis es zersplittert Bis ich wieder aufwache.

Frau aus Papier

  „Frau aus Papier“ Von Alexandra Kanobel 2026   Oma ist eine Frau aus Papier, wie eine Zeitung. Mit Schichten. Auf dem Papier stehen Wörter, Phrasen, Sätze. Manche schön leserlich geschrieben, andere flüchtig notiert. Wenn ich sie frage „Was hast du vor drei Tagen gemacht?“, schaut sie auf das Gedruckte auf ihrem rechten Handgelenk und erzählt mir „Ach, da war ich am Markt und habe drei Kilogramm Äpfel für einen Apfelkuchen gekauft.“ Frage ich sie „Was machst du morgen?“, so sagt sie „Da gehe ich in den Prater Achterbahn fahren!“ Dabei raschelt es und sie zieht ihre Mundwinkel hoch zu einem Lächeln. Oma hat rosa Wangen. Doch eine Schicht weiter sind sie schon grün, dann gelb, dann orange. Oma hat viele Farben, denn Oma konnte sich nie für eine entscheiden. An manchen Stellen ist das Gedruckte durch Leuchtfarbe hervorgehoben. Oma sagt, das sind die einprägsamsten Erinnerungen, die sie hat, obwohl sie nicht alle davon mag. Einmal zum Beispiel hat sie eine Mitschülerin, ...

Die Pflanze

  „Die Pflanze“ Von Alexandra Kanobel 2026   Ich nehme meinen Körper und drehe ihn um. Er passt mir so schon lange nicht mehr. Die Perspektive ist immer die gleiche. Der Himmel oben, darüber die Sonne. Der Boden, auf dem wir leben, auf dem wir unsere Gedanken wachsen lassen wollen, ist noch weiter entfernt. Die ersten Schritte mit den Händen sind schwer, für mich fast unmöglich. Immer wieder versuche ich es, falle um. Schließlich kniee ich mich hernieder. Will dem Erdboden näher sein. Ich grabe ein Loch, greife in meine Tasche. Da ist…nichts. Ich habe nichts, um es zu sähen. Ich denke nach, denke an Augenblicke. All das will ich in die Erde geben. Ich denke an die Schönsten für Freude und ich denke an die Schweren und an die Nachdenklichen für Resilienz und ich denke an all das angesammelte Wissen. All das kann die Pflanze brauchen. Ich hauche es in den Boden, werfe sofort Erde darüber. Hoffend, die Pflanze wird im Regen wachsen.

Die Wolkenpusterei

  „Die Wolkenpusterei“ Von Alexandra Kanobel 2026   Ich tanze im Morgenlicht, sehe zum Haus gegenüber. Meine Sicht ist verschwommen. Zu lange in die brennende Sonne geschaut. Hypnotisiert von der Musik drehe ich mich, bleibe stehen, drehe mich weiter in die andere Richtung. Erste Schritte kommen dazu. Handbewegungen passen sich an. Ich atme, schneller und immer schneller. Ein Wirbelwind, hatte Mutter einst gesagt. Jetzt kommt der Wind der sommerlichen Morgenluft durch das geöffnete Fenster. Ich atme ein, endlich. Der Rest schläft noch. Das sind: die Nachbarn gegenüber. Die Nachbarn im eigenen Wohnhaus sind mir unmöglich zu sehen. Mutter und Bruder sind um sieben Uhr zur Tür hinaus gegangen, unten ins Auto gestiegen, zur Arbeit gefahren. Ich? Was bin ich? Ich bin Langeweile. Ich bin eine Leiter, die ich nehme, um aus dem Fenster zu steigen. Dort oben, weit entfernt, schwebt der Heißluftballon. Er besteht aus Träumen, aus heißer Luft. Ich winke ihm zu, er kommt näher. De...

Begierige Entscheidung

"Begierige Entscheidung" Von Alexandra Kanobel 2026  Flüstern im Raum, Dunkelheit. Die Jalousien komplett geschlossen. Das Flüstern dringt durch das geschlossene Fenster des alten Hauses, hallt durch die nahen Straßen. Die Natur geht ihren gewohnten weg. Es ist Morgen. Die Leute, allein, zu zweit, oder Gesellschaft suchend am Mobiltelefon, sind unterwegs in einem riesigen Gewimmel, der Stadt. Schlendernd, hastend. Korrekt gerade ihre Schritte setzend, oder nicht. Langsam, schnell, laufend. Ein Mann eilt in das alte Haus. Sein Kopf verdeckt durch einen Hut, als besäße er selbst keinen Kopf. Er hält, kurz, bevor er das Haus betritt, betrachtet die anderen Menschen, deren Gesichter, deren Frisuren. Nichts Aufregendes dabei. Er geht weiter. Läutet an der goldenen Gegensprechanlage des Hauses. Ein Ton erklingt. Ihm wird geöffnet. Im Haus ein Wald. Der Mann legt seinen Hut ab, verschwindet langsam im Wald. Die jungen Bäume, deren Kronen sich am Plafond biegen, ächzen. Im zweiten St...