Die Wolkenpusterei
„Die Wolkenpusterei“
Von Alexandra Kanobel
2026
Ich tanze im Morgenlicht, sehe zum Haus gegenüber. Meine
Sicht ist verschwommen. Zu lange in die brennende Sonne geschaut. Hypnotisiert
von der Musik drehe ich mich, bleibe stehen, drehe mich weiter in die andere
Richtung. Erste Schritte kommen dazu. Handbewegungen passen sich an. Ich atme,
schneller und immer schneller. Ein Wirbelwind, hatte Mutter einst gesagt. Jetzt
kommt der Wind der sommerlichen Morgenluft durch das geöffnete Fenster. Ich
atme ein, endlich. Der Rest schläft noch. Das sind: die Nachbarn gegenüber. Die
Nachbarn im eigenen Wohnhaus sind mir unmöglich zu sehen. Mutter und Bruder
sind um sieben Uhr zur Tür hinaus gegangen, unten ins Auto gestiegen, zur Arbeit
gefahren. Ich? Was bin ich? Ich bin Langeweile. Ich bin eine Leiter, die ich nehme,
um aus dem Fenster zu steigen. Dort oben, weit entfernt, schwebt der
Heißluftballon. Er besteht aus Träumen, aus heißer Luft. Ich winke ihm zu, er
kommt näher. Der Ballonfahrer wirft eine Strickleiter herab. Ich? Klettere
hinauf. Auf halbem Weg setzt sich eine Amsel auf meine linke Schulter. Der
Ballonfahrer seufzt. Wir sinken. Wir sind zu schwer. Ich beginne Luft auszupusten,
quetsche mich zusammen, will unbedingt in die Wolken, in den Himmel aufsteigen.
Wir steigen. Der Ballonfahrer lacht vor Freude. Ich will mit ihm in mir
unbekannte Länder fliegen, dort die Luft in mich einsaugen und zu Fuß,
irgendwann, wenn ich Lust dazu habe, Nachhause gehen. Ich nieße. Die Amsel
erschrickt, fliegt weg. Wir steigen, ich klettere hoch in den Ballon. Unter uns
all die Felder, all die Wälder, Berge, Wüsten, und Gewässer. Überall riecht es
nach mehr. Mehr von Lebenslust, mehr von Liebe, mehr von Weisheit. Ich muss an
den Wald in meinem Schlafzimmer denken, den ich wachsen habe lassen. Da lehne
ich mich zu weit über den Korb, werde ausgestreut, rutsche hinab zurück den
weiten Weg in mein Zimmer. Ich sehe zu den Wolken empor. Der Ballonfahrer winkt
mir zu, beginnt vor sich hin zu pusten, um von der Stelle zu kommen. Ich atme
ein, fülle den Raum mit meinen Erfahrungen. Dann beginne ich wieder zu tanzen.
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