Frau aus Papier
„Frau aus Papier“
Von Alexandra Kanobel
2026
Oma ist eine Frau aus Papier, wie eine Zeitung. Mit
Schichten. Auf dem Papier stehen Wörter, Phrasen, Sätze. Manche schön leserlich
geschrieben, andere flüchtig notiert. Wenn ich sie frage „Was hast du vor drei
Tagen gemacht?“, schaut sie auf das Gedruckte auf ihrem rechten Handgelenk und
erzählt mir „Ach, da war ich am Markt und habe drei Kilogramm Äpfel für einen
Apfelkuchen gekauft.“ Frage ich sie „Was machst du morgen?“, so sagt sie „Da
gehe ich in den Prater Achterbahn fahren!“ Dabei raschelt es und sie zieht ihre
Mundwinkel hoch zu einem Lächeln. Oma hat rosa Wangen. Doch eine Schicht weiter
sind sie schon grün, dann gelb, dann orange. Oma hat viele Farben, denn Oma
konnte sich nie für eine entscheiden. An manchen Stellen ist das Gedruckte
durch Leuchtfarbe hervorgehoben. Oma sagt, das sind die einprägsamsten
Erinnerungen, die sie hat, obwohl sie nicht alle davon mag. Einmal zum Beispiel
hat sie eine Mitschülerin, ihre damals beste Freundin, „Blöde Gans!“ genannt,
weil Oma einem Freund der Freundin zulächelte, den die Freundin im Geheimen
mochte, und die anderen hatten gelacht. Diese Erinnerung würde Oma am liebsten
zerreißen, aber das geht nicht, denn sie ist ein Teil von ihr, obwohl die
Erinnerung schon sehr alt ist und Oma sie meistens vergisst. Oma hat schon
immer in Schichten gelebt. Ihre Mutter, die Oma immer „Mutteter“ nannte, war
sich sicher „Du wirst noch hunderte Jahre alt werden mit deinen Schichten. Denn
es kommen immer neue dazu.“ Bei dem Gedanken so alt zu werden freute sich Oma
im ersten Moment, doch dann dachte sie an ihre Oma, die nach und nach immer
einsamer wurde, da die Verwandten und Bekannten des gleichen Alters, die die
Geschichten mit ihr erlebt hatten, davon starben. Und nun war sie doch alt
geworden. „Ohm Ohm“, wie ich sie liebevoll nenne, liegt seit drei Tagen im
Bett. Ihre Beine tragen sie nicht mehr. Der erste Tag war anstrengend und
ungewohnt. Am zweiten Tag schlich sich Routine ein. Am dritten Tag war sie
immer mehr allein, da die Familie auch arbeiten musste. Am vierten Tag geschah
dann, womit niemand gerechnet hatte. Oma will wieder aufstehen. Sie hat Angst,
denn sie kann nicht mehr die Erinnerungen auf ihrer Rückseite im Spiegel
betrachten. Zudem verwischt die Schrift auf den Papierstücken immer mehr, da
Oma im Bett jeden Tag mit einem Einweghandschuh gewaschen wird. Oma stellte
sich normalerweise, als ihre Beine sie noch trugen, gerne unter die Dusche oder
in den Regen. Oma ging auch gerne ins Meer. Aber der Handschuh stört Oma. Oma
macht nun Bewegungsübungen mit einem Physiotherapeuten. Zu Beginn hatte Oma
Angst, denn sie war das Sitzen nicht mehr gewohnt und ihr war schwindelig. Oma
hatte Angst sie würde all ihre Erinnerungen durch den Schwindel verlieren, dass
sie davon schaukeln würden. Doch langsam geht es voran. Oma gibt zum Glück
nicht auf! Sie macht im Bett mit ihren Füßen Bewegungen. Wenn ich sie frage,
was sie morgen macht, antwortet sie „Morgen? Da gehe ich in den Prater.
Achterbahn fahren und in die Geisterbahn!“ Dann lacht sie, wobei ihr auch
Tränen herunterkullern. Oma hat sich ihr Leben so wohl auch nicht vorgestellt.
Oma fragt mich jetzt nur selten nach Erinnerungen. Mein
Erinnerungsvermögen ist auch schlecht. Ich mache Fotos. Viele Fotos. Daran
halte ich mich an. Doch gestern ist mir eine Erinnerung eingefallen, die mich
wärmt. Es schneite seit gestern, dem Donnerstag. Heute war ich im verschneiten
Park und machte Fotos von den Bäumen. Zurück kam ich mit nassen Schuhen, die
ich im Vorzimmer auszog. Früher, wenn es schneite und unsere Schuhe nass waren,
legte Oma immer Zeitungen im Vorzimmer aus, auf die wir unsere Schuhe stellten,
damit der Boden in der Wohnung nicht nass und dreckig wurde. Die Gefühle, die
in mir hochkamen, breiteten sich in mir wie die Wärme einer Heizung aus. Ich
lächelte, grüßte meine Tante und ging in mein Zimmer, legte die Sachen ab. Das
Programm meines Mobiltelefons spielte über meine Kopfhörer gerade klassische,
spanische Musik. Kurz wiegte ich mich hin und her. Dann begann ich mich mehr zu
bewegen, zu tanzen, wo ich gerade Platz hatte. (Das Zimmer war ziemlich
vollgeräumt.) Meine Schultern bewegten sich, im Zeichen der Musik, im Rhythmus
auf und ab, während meine Hände klatschten. Meine Füße standen still. Ich
wusste nicht viel mit ihnen anzufangen. Zumal ich nur selten tanzte, obwohl ich
es gerne tat. Zu Beginn fühlte ich mich immer unwohl dabei und zog die Vorhänge
zum Nachbarhaus zu. Niemand beobachtete mich, außer ich mich selbst. Endlich
begann ich erste Schritte vor und zurück. Ich musste an Kastagnetten denken,
stellte mir vor sie in meinen Händen zu halten und hob, während ich immer
ausladendere Tanzschritte machte, langsam die Arme. Als nächstes kamen meine
Hüften zum Bild dazu. Ich kreiste mit ihnen, so gut ich es konnte. Es fühlte
sich wunderbar an. Ich lebte auf im Tanz. Die Musik war göttlich. Da läutete
die Glocke. Nicht die Türglocke, sondern Oma mit ihrer Glocke im Bett.
Unzufrieden hörte ich auf, ging zu Oma ins Zimmer. Ich wusste, sie hatte ein
Bedürfnis.
„Ja?“, fragte ich. „Jause!“, sagte Oma. Durch die lange
Zeit, die sie lag, war ihre Stimme oft leise und heiser geworden und sie sprach
oft langsamer. Ich wartete auf ihre Antwort. Sprechen war wichtig. Ich brachte
ihr den Kaffee und Kekse. Im Fernseher, der genau vor Omas Krankenbett auf
einer verstellbaren Halterung angebracht war, lief gerade eine für Oma
uninteressante Serie. „Soll ich dir einen Film einlegen?“, fragte ich Oma laut,
denn Oma hörte schlecht, wollte aber keine Hörgeräte. Sie nickte und ich holte
aus dem Wohnzimmer drei der vielen, alten Filme, die wir besaßen, brachte sie
Oma. Sie liebte diese Filme. Als die Filme gedreht wurden, war Oma jung oder
konnte sich an die Zeit erinnern. Sie kannte auch die Schauspielenden. Mit
ihren Filmen hatte sie gelacht, geträumt. Die neueren Filme und Serien
interessierten sie kaum.
Ich schaltete den Fernseher aus, las ihr in der Stille die
Titel vor und zeigte ihr die Vorderseiten der Filmhüllen. Beim zweiten Titel
nickte Oma und zeigte mit ihrem Zeigefinger auf den Film. Eilig änderte ich die
Verkabelung und legte den Film in den Blu-Ray-Player ein. Der Film begann. Ich
blieb bei Oma sitzen, so wie immer bei der Jause. Der Film „Die
Feuerzangenbowle“ lief. Nach einiger Zeit hatte Oma den Keks gegessen, - oft
wollte sie nicht mehr als einen - , und den Kaffee aus dem grünen
Schnabelbecher getrunken. Ich ging und stellte die restlichen Kekse wieder ins
Wohnzimmer, den leeren Schnabelbecher, nachdem ich besonders das Innere des
Schnabels heiß abgespült hatte wegen der klebrigen und färbenden Reste des
Kaffes, in die Abwasch.
In meinem Zimmer zurück lag noch die Atmosphäre der
spanischen Musik und des Tanzes in der Luft. Ich überlegte. Oma hatte schon zu
viele Schichten im Bett gelegen, zu viele Erinnerungen nur im Bett sammeln
müssen. Oma wollte wieder auf die Beine kommen, im Wohnzimmer gemeinsam mit uns
sitzen, sprechen, essen und feiern, aber Oma hatte auch Angst davor, dass ihre
Beine sie nicht mehr tragen würden, sie fallen würde. Doch die Hoffnung lebte,
so wie die Hoffnung, glaube ich, nie ganz sterben kann.
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