Begierige Entscheidung

"Begierige Entscheidung"

Von Alexandra Kanobel

2026 


Flüstern im Raum, Dunkelheit. Die Jalousien komplett geschlossen. Das Flüstern dringt durch das geschlossene Fenster des alten Hauses, hallt durch die nahen Straßen. Die Natur geht ihren gewohnten weg. Es ist Morgen. Die Leute, allein, zu zweit, oder Gesellschaft suchend am Mobiltelefon, sind unterwegs in einem riesigen Gewimmel, der Stadt. Schlendernd, hastend. Korrekt gerade ihre Schritte setzend, oder nicht. Langsam, schnell, laufend. Ein Mann eilt in das alte Haus. Sein Kopf verdeckt durch einen Hut, als besäße er selbst keinen Kopf. Er hält, kurz, bevor er das Haus betritt, betrachtet die anderen Menschen, deren Gesichter, deren Frisuren. Nichts Aufregendes dabei. Er geht weiter. Läutet an der goldenen Gegensprechanlage des Hauses. Ein Ton erklingt. Ihm wird geöffnet. Im Haus ein Wald. Der Mann legt seinen Hut ab, verschwindet langsam im Wald. Die jungen Bäume, deren Kronen sich am Plafond biegen, ächzen. Im zweiten Stock erscheint der Mann wieder, nimmt seinen Platz in dem Wald ein, streckt seine Äste aus, verharrt still. Unten, im Stock darunter, fällt ein Mann aus seiner Pose, hält sich, hustend, die Hand vor den Mund. „Pst!“, ruft jemand.

„Wir sind noch nicht vollzählig!“, protestierte eine junge Stimme im dunklen Raum des zweiten Stocks. „Die Hallen sind gefüllt! Und es kommen immer mehr!“, sagt eine heisere Stimme schwach. Ein Stimmengewirr: „Das wird nicht gut ausgehen!“ „Er muss kommen!“ „Seht nur all die Leute!“ „Wenn sie nur nicht die Wohnung stürmen!“ „Hoffentlich hat er gute Nachrichten mit sich!“

Draußen: Drei verschiedene Straßenbahnlinien fahren vorbei. Autos, Lastwagen. Schrill auflachende, still vor sich hin gehende, laut sich unterhaltende. Eine Krähe fliegt nahe dem alten Haus, setzt sich auf die Kabel und Stahlstränge, den Halterungen des Straßenlichts. Sie dreht ihren Kopf, schräg nach links, schräg nach rechts, verschwindet wieder vom Fenster. „Er ist da!“, ruft eine Stimme im dunklen Raum. Die Krähe fliegt wieder davon. Ohne anzuläuten, öffnet sich die grün lackierte Türe. Die Krähe fliegt durch den Wald, in den ersten Stock, in den zweiten Stock. Ein kurzes Krächzen und ihr wird die Türe geöffnet. In einen Mann verwandelt, betritt sie die Wohnung. Mit einem Krachen fällt die Türe wieder zu. Das Flüstern im innersten Raum erlischt. Das Licht des Kronleuchters wird von einem älteren Mann mit weißem Bart eingeschalten. Der neu erschienene Mann betritt das innerste Zimmer. Manche atmen angespannt aus, manche atmen erleichtert ein. Der Mann setzt sich zu den anderen.

Ein Mann am Tisch, der Vorsitzende, steht auf. „Wir sind vollzählig. Die Wahl hat entschieden!“, ruft er. Seine Stimme, je lauter er sich bemüht zu rufen, scheint in Watte gepackt. „Die Bäume werden gefällt!“ „Was?“, fragt der ihm am Tisch gegenübersitzende laut. An der Wohnungstür kratzt draußen der Ast eines Baumes. Der Vorsitzende beugt sich zu seinem Nachbarn und flüstert den gleichen Satz von zuvor in sein Ohr. Von Mund zu Ohr geht die Nachricht rund um den Tisch, hinaus in die naheliegenden Straßen, hallt in den hohen Gängen des Hauses wider. Die Bäume beginnen sich, nach und nach, in ihre menschliche Gestalt wieder zu verwandeln, sehen sich ungläubig an. Wie ein Lauffeuer ist die Nachricht durch den Wald gegangen. Die Baummenschen allen Geschlechts: „Das können die nicht machen!“ „Frechheit!“ „Man muss sie loswerden!“ „Genau!“

Menschen in den Gängen, groß und klein, drängen hinauf in den zweiten Stock, gegen die Tür.

In der Wohnung drängen die Vögel gegen das nun geöffnete Fenster, strömen hinaus. Die Wohnungstür fällt, die Menschen verteilen sich in der Wohnung, erstarren zurück in Bäume.


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