Das Schneckenhaus
„Das Schneckenhaus“
Von Alexandra Kanobel
2025
Ich bin auf
die Welt gekommen, in diesem riesigen Schneckenhaus. Weit weg vom geselligen
Ideal.
Meine
Mutter, ich kannte sie vor meiner Geburt nicht. Doch kam sie jedes Mal vorbei,
wenn die Wellen mein Schneckenhaus davontragen wollten – wir schoben es höher
an Land zurück!
Ich las in
meinem Haus, ritzte Wörter an die Wand. Streckte meine Füße aus bis zum Wasser,
drehte mich um, wenn der Kopf Platz brauchte.
Das
Schneckenhaus, es war groß für eine Behausung, doch für das Leben zu klein.
Eines
Nachmittags, Mutter war nicht da und die Wellen drohten das Haus ins Wasser zu
ziehen, kam ein kleiner Fuchs vorbei. Er war scheu, doch nicht so scheu, um
nicht am Haus zu riechen. Ihm folgten vier weitere, kleine Füchse, bis die
Mutter erschien.
Da ich
gerade alles aufgegessen hatte, was meine Mutter gebracht hatte, zog es die
Füchsin wieder in den Wald, der an das Ufer, wo mein Schneckenhaus lag grenzte.
Von nun an
kam die Fuchsfamilie öfters und ich hob ihnen von Mutters gebrachtem Essen auf.
Die Füchsin aß es jedes Mal hastig, verschwand dann mit den kleinen wieder im
Wald.
Es war
eines Nachts, dass die Füchsin allein zum Strand humpelte, nicht ihr rechtes
Vorderbein belastend.
Ich band ihr
ein Stück Stoff um das Bein und gab ihr von meinem Abendbrot.
Die Füchsin
schien die Hilfe zu schätzen, humpelte aber bald wieder in den Wald.
Es war ein
klarer Abend. Die Sterne standen hoch am Himmel. Ich folgte der Füchsin in den
Wald. Es war dunkel, doch ich wusste das Licht der Sterne und des Mondes war
über den Bäumen.
Die Füchsin
ging langsam, eine weite Strecke. Mehrmals dachte ich an mein Schneckenhaus und
an die Wellen, hoffend sie würden es nicht ins Meer tragen. Denn Mutter schlief
um diese Zeit.
Immer
weiter folgte ich der Füchsin in den dunklen Wald, als ein sachter Wind durch
die Baumstämme wehte. Die Füchsin überprüfte die Witterung in der Luft, senkte
dann ihren Kopf und ging weiter. Ich, die ich nicht sah, tastete mich an den
Baumstämmen und Sträuchern entlang.
In der
Entfernung sah ich ein schwaches Licht. Der Wind wurde unterdessen stärker,
blies gegen mich und zog wiederum an meinem Kleid. Ich tastete mich weiter
voran. Ein lauter werdendes, hallendes Geräusch setzte ein.
Da
stolperte ich vor einem umgestürzten Baum. Ich dachte an die Füchsin und raffte
mich wieder auf meine Beine.
Vor dem
Baumstamm lag etwas, dass groß war. Das Licht wurde stärker. Ich versteckte
mich, so dass mich niemand sah. Eine männliche Stimme gähnte laut. Ich spähte
über den Baum. Da lag, im Licht eines Hauses ein riesiger Mann, der zuvor
geschlafen hatte.
Mit einem
Ruck stand er auf, schrumpfte dabei auf Personengröße. Er verschwand in das
Haus.
Ich
erschrak. Hier ging es mit Geisterhand zu! ‚Jedoch, wenn es ein Geist ist, kann
er mir nicht schaden! Besteht er doch nur aus Luft!‘, dachte ich.
Da es still
blieb und der Mann nicht wieder zum Vorschein kam, ging ich zum Haus, betrat es.
Kaum hatte ich einen Schritt hineingesetzt, hörte ich was eine Gesellschaft
sein musste, die ein Fest feierte. Ich hörte Gläser klirren. Im Erdgeschoß war
es jedoch leer.
Ich stieg
die Stufen empor, Stockwerk um Stockwerk. ‚Wie viele Stockwerke dieses Haus
wohl hat?‘ Ich kam dem Fest näher.
Da hörte
ich endlich vor mir durch einen Türspalt einer doppelseitigen Tür Lachen.
Abermals stand ich in der Dunkelheit, sah aber durch den Türspalt in den Raum.
Eine lange
Tafel stand in der Mitte, an deren Ende meine Mutter saß. ‚Was ist das für ein
Spiel?‘, fragte ich mich.
Von weitem
draußen, hörte ich laute Rufe. Ich sah rechts zum Fenster hinaus. Zwei Figuren
näherten sich dem Haus. Im Schein des Lichts wurden sie leise, betraten das
Haus. Sie eilten hastig die Treppen empor, während ich mich versteckte. Die Tür
ging auf und sie betraten das Fest. Ich hörte meine Mutter seufzen.
Wieder
spähte ich in den Saal. Neben meiner Mutter saß mein verstorbener Vater,
Onkels, meine Tante, daneben mein Bruder, Freundinnen, die mich am Strand
besuchten und andere unbekannte Gäste. Vor ihnen saß der Unbekannte aus dem
Wald in einem herrschaftlichen Anzug. Jede Einladung zum Tanz schlug er aus. Er
wartete.
„Wenn sie
nur kommt!“, sagte meine Tante. Wieder seufzte meine Mutter.
Da sah ich
etwas Glänzendes am Boden. Als ich an mir im Lichtschein herabsah, stand ich in
einem prächtigen goldenen Kleid da. Eine Kirchenglocke läutete in der Ferne.
Ich wandte
mich um, fort von dem Fest und lief die Stockwerke hinab, zurück zum dunklen
Wald hin.
Als ich aus
dem Haus trat, erloschen alle Lichter und ich stand unter den Sternen und dem
hell leuchtenden Mond vor meinem Schneckenhaus am Strand.
Mutter
humpelte heran und wir schoben das Schneckenhaus wieder höher an das Ufer.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen