Der Windpalast


 Der Windpalast

Von Alexandra Kanobel

2025


Im Garten des Hauses

singen die Vögel vom Blatt den Choral,

streiten sich die aufgeblühten Dahlien, Calla und Rosen

und darüber der Flieder

um den Rest des Sonnenlichts.

Die Sonne scheint noch,

weit entfernt im Weltall

das Gras ist bereits in Schatten getaucht.

Ich bekomme einen großen, roten Brief

auf mein Telefon

von Großmutter!

Ich solle zum Windpalast kommen,

eilig, mehr als eilig!

Sie ist krank,

braucht Pflege!

Alle, in Vögel verwandelt, sind ausgeflogen.

Noch bin ich jung.

 

Ich sehe mich im Garten nochmals um,

der Abschied fällt schwer!

All die Dahlien, Calla und Rosen kann ich nicht mitnehmen,

muss das Ensemble der Vögel dort singen lassen,

kann nicht all das Gras ausrupfen.

Zumindest eine Blume will ich pflücken, sie ausreißen!

Doch welche?

Alle krallen sich fest,

sitzen tief im Boden,

ich seufze (fluche innerlich „Mist!“)

dann verlasse ich den Garten

in dem es zu regnen beginnt.

 

Ich mache mich auf den Weg zu Großmutter.

Ich habe weder Geld, noch eine Fahrkarte bei mir,

der Garten gab mir alles zum Leben,

jeden Tag roch ich an den Dahlien, Calla und Rosen.

Ich muss zu Fuß gehen,

der Weg ist lang.

 

Ich gehe durch die Straßen und Gassen,

gehe links, biege rechts ab, dann geradeaus,

treffe auf interessante Gesichter.

Alle gehen stumm an mir vorbei.

Ich spreche sie an,

aus einer Laune heraus,

will sie kennen lernen,

ihr Duft ist gut,

sie sind zu interessant!

Die Antwort ist ein einziges Wort

 - ruhe! Ruhe! RuhE! RUHE! -

Immer wieder

es wird wieder leiser

RUHE! RuhE! Ruhe!

zuletzt geflüstert ein „ruhe!“

Ich verstumme

wandle wie sie unter ihnen.

 

Ich biege ab links,

die Menschen verschwinden,

ich drehe mich um,

da gehen sie auf der Straße von zuvor,

hetzen nach links,

hetzen nach rechts

aneinander vorbei.

Ich stehe vor einem anderen Garten,

das Tor ist offen,

ich trete ein,

rieche an den Rosen,

sie sind mir fremd,

doch ihre Farben sind schön

 - rot, gelb und himmelblau -

ich gehe zu dem großen Brunnen

in der Mitte des Gartens,

labe mich,

die Vögel fliegen umher,

rufen nacheinander im Choral,

die Sonne scheint,

das Gras ist grün.

Es ist noch sehr warm.

 

Ich bekomme

einen neuen großen, roten Brief

auf mein Telefon

von Großmutter!

Ich solle mich zum Windpalast beeilen, nicht schlendern,

sie hustet stark!

Ich bin um Wochen gealtert!

 

Ich sehe mich in diesem Garten nochmals um,

pflücke eine festsitzende himmelblaue Rose,

sie schreit,

ich reiße sie mit Mühe ab,

dann gehe ich, wehmütig, weiter.

 

Ich gehe durch die Straßen und Gassen,

links, links, rechts, geradeaus,

Straßenbahnen fahren an mir vorbei,

manche schnell, manche bummeln,

und Autos

 - jede Menge Autos -

deren Abgase lassen die Rose welken,

ich stecke sie ein,

um sie zu schützen,

die Leute mir ihren interessanten Gesichtern

kommen mir stumm entgegen,

sitzen in den Straßenbahnen,

sitzen in den Autos,

deuten mir leise zu sein!

Ich seufze,

muss an meinen Garten denken.

ruhe! Ruhe! RuhE! RUHE! sagen die Leute,

ich gehe weiter,

RUHE! RuhE! Ruhe! ruhe! zuletzt im Flüsterton,

ich verstumme

gehe weiter,

lange Zeit nur Asphalt,

viele, viele Autos, LKWs und Mopeds,

Straßenbahnen und Busse,

immer wieder stehen Bäume,

sie verdichten sich,

ich komme in einen Park!

 

Im Park

fliegen die Vögel umher,

schreien sich gegenseitig an

im Choral,

Gänseblümchen blühen vereinzelt, selten,

die Sonne steht hoch am Himmel,

das Gras, viel Gras, ist grün oder gelb.

Menschen!

Menschen, von alt bis jung

und Hunde

sind dort,

gehen spazieren, spielen!

Ich folge ihnen,

gehe ebenso spazieren,

genieße den Wind der auf der Erde sanft weht,

oben in den Baumkronen stärker,

es ist heiß.

 

Ich bekomme einen neuen großen, roten Brief

auf mein Telefon

von Großmutter!

Ich solle mich doch zum Windpalast endlich beeilen,

sie hat Halsschmerzen, liegt im Bett!

Ich bin um Monate gealtert!

 

Ich sehe nochmals auf die weite Ebene des Parks,

nehme ein Gänseblümchen mit,

reiße es mit Leichtigkeit ab,

stecke es ein,

dann gehe ich, wehmütig, weiter.

 

Ich gehe durch die Straßen und Gassen

mit all den Menschen

die nur RUHE! RuhE! Ruhe! ruhe! sagen,

zuletzt im Flüsterton.

Radfahrer kommen mir entgegen,

deuten mir leise zu sein,

so wie die Menschen in all den Fortbewegungsmitteln.

Viele Menschen kommen mir entgegen

und immer mehr,

ich weiche ihnen aus.

Kurz bleibe ich stehen,

sehe zurück.

Zurück! Im Zurück ist es dunkel, regnet es.

Wehmütig denke ich an meinen Garten,

an die Dahlien, Calla und Rosen,

an die singenden Vögel im Choral,

und an das Gras,

alles in Dunkelheit und Regen nun versunken,

schläft!

Ein Mann mit Kopfhörern kommt mir entgegen,

die Sonne steht hoch oben am Himmel,

er hat einen Pullover an,

ich gehe auf ihn zu,

kurz bevor ich auf ihn treffe

wird es kälter,

die Jahreszeit ändert sich,

ich muss abbiegen,

rechts, geradeaus, rechts, links, dann geradeaus,

Autos fahren an mir vorbei,

zwei Menschen in Pullovern im Gastgarten eines Cafés lachen,

ohne einen Ton von sich zu geben.

„Entschuldigung?“, spreche ich sie an.

„Leise!“, deuten sie mir

mit erhobenem Zeigefinger

und von hinter mir kommt ein RUHE! und ein ruhe!,

zuletzt geflüstert.

 

Ich komme zu einem weiteren Park,

in der Mitte ist ein Teich,

es ist kalt, zu kalt,

eisiger Wind weht mir entgegen

die Menschen gehen mit Jacke und Mütze

durch den Park,

ich in Hose mit kurzem Shirt,

der Teich ist teilweise zugefroren,

die Sonne steht noch hoch oben am Himmel,

doch ihr Leuchten ist schwach,

die Wärme die von ihr kommt wenig.

Ich gehe durch den Park,

ein Obdachloser liegt im Schlafsack auf einer Bank,

die Blumen sind längst verdorrt,

einzeln hängen sie noch an den Stämmen,

ich rieche daran,

pflücke eine

ohne Widerstand,

Raben und Krähen schreien sich an,

streiten miteinander,

Leute eilen durch den Park,

ich sehe zur Sonne empor,

während ich durch den Park spaziere,

Wind weht.

 

Ich bekomme einen großen, roten Brief

auf mein Telefon,

erneut von Großmutter!

Ich solle mich nun aber endlich zum Windpalast beeilen,

sie hat Fieber!

Ich bin um Jahre gealtert,

nehme einen Stock zum Gehen

von dem Holz aus dem Park.

 

Ich sehe nochmals auf den Teich,

auf den Park,

nehme ein paar Grashalme mit,

reiße sie ab,

dann gehe ich, wehmütig, weiter.

 

Ich gehe durch die Straßen und Gassen,

entgegen kommen mir viele Menschen

mit Hunden,

zu viele Autos,

Straßenbahnen,

Busse

und oben auf den Bögen der alten Stadtbahn

                die Untergrundbahn.

 

Ich gehe weiter!

Immer mehr Menschen,

noch mehr Autos

Radfahrer

und Hunde

kommen mir entgegen,

ich schlängle mich durch,

mir ist kalt.

Der eisige Wind weht stark,

ich gehe geradeaus, rechts, dann geradeaus!

Schließlich stehe ich vorm Windpalast,

auf dessen Fensterbretten,

auf dessen Stromleitungen zur Straßenlampe

Raben sitzen.

Ich betrete ihn,

gehe Stufe um Stufe langsam empor

in die Wohnung,

durch die Zimmer

vorbei am Lichthof

mit dem geöffneten Fenster

- schließe es -

bis zu Großmutters Zimmer.

Großmutter liegt im Bett,

zugedeckt,

schwitzt

und schnarcht

in der Hand das Telefon,

sie erwacht,

ich gebe ihr die Medizin,

die auf dem Tisch steht,

sie hustet,

ich gebe die Blumen und das Gras in eine Vase,

stelle sie auf Großmutters Nachttisch,

dann setze ich mich neben sie auf einen Stuhl.

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